Kryptowährungen sind heutzutage ein viel diskutiertes Thema, das Millionen von Menschen täglich beschäftigt. Für Neulinge kann es aber schwierig sein, sich im Informations-Dschungel im Internet zurechtzufinden.

Aus diesem Grund haben wir ein lehrreiches Interview mit Marc-André Böhlen zum Thema Kryptowährungen und Blockchains geführt. Marc arbeitet seit 2020 bei uns an der HSO als Dozent für das Modul Financial Trends. Zusätzlich ist er als Senior Business Project Manager bei der Credit Suisse tätig.

Hier findet ihr eine Begriffserklärung.

 

1.) Was hältst du vom traditionellen Bankwesen im Vergleich zu DeFi?

Durch die Digitalisierung können wir verschiedene Dienstleistungen weltweit mit nur einem Knopfdruck beziehen. Wieso braucht man aber für Finanzdienstleistungen immer noch eine zwischengeschaltete Partei in Form einer Bank? Genau mit diesem Thema beschäftigt sich Decentralized Finance (DeFi). Das Ziel der DeFi ist es, Finanzdienstleistungen zu ermöglichen, die auf der Blockchain-Technologie basieren: ohne traditionelle Banken oder Börse.

Hier gibt es zum Beispiel die Handelsplattform Uniswap, die durch Smart Contracts den Tausch von Kryptowährungen ermöglicht.
Zusätzlich gibt die Plattform auch die Wechselkurse der verschiedenen Währungen an.
Im Unterschied zur Börse geht man hierbei anstelle des Gegenparteirisikos ein Softwarerisiko ein.

Das bedeutet, dass die Software in der Regel mit einem Open-Source-Protokoll veröffentlicht wird, worin jede Partei Einblick erhält.

Da DeFi sehr geringe Kosten verursacht, wird es für etablierte Banken immer schwieriger, damit zu konkurrieren.

Ein Problem der neuen Technologie ist aber, dass solche Plattformen nicht wirklich kundenfreundlich aufgebaut sind und oft kein Kundenservice angeboten wird. Das ist wiederum für die Banken ein grosser Vorteil. Daher werden sie nicht von heute auf morgen verschwinden, sollten jedoch die Digitalisierung auch nicht verpassen. Eine Kombination aus DeFi und traditionellen Banken mit den jeweiligen Vorteilen wäre wohl optimal.

 

 2.) Wie siehst du die Zukunft von NFTs?

Im Moment ist der Hype um NFTs sehr gross. Kurz zur Erklärung: NFTs heisst auf Deutsch übersetzt in etwa «nicht austauschbare Vermögenswerte». Sprich NFTs sind Unikate, die auf einer Blockchain basieren.

Dadurch ist es möglich, dass die Inhaberin oder der Inhaber von solchen Dateien fälschungssicher identifiziert werden kann.

Die meisten NFTs basieren auf der Ethereum-Blockchain, da darüber mit Smart Contracts gearbeitet werden kann. Mittels einem Smart Contract können die Token mit spezifischen Informationen und Inhalten verknüpft werden: beispielsweise mit Musik oder Kunst. Aus diesem Grund sind NFTs einzigartig und deren Besitzer:innen und Urheber:innen können immer über die Blockchain nachgewiesen werden. Da NFT gehandelt werden können entsteht ein Sekundärmarkt. Hieran können erstmals auch die Urheberinnen und Urheber partizipieren. Dank der Smart Contracts kann von jeder Transaktion ein bestimmter Prozentsatz an den Erstverkäufer sichergestellt werden, wodurch sich im Idealfall langfristige Einnahmen generieren lassen. Diese zusätzliche Einnahmequelle haben sich z.B. auch die Berner Young Boys zu nutzen gemacht, in dem sie einen sogenannten Fan-Token ausgegeben haben.

Die Welt der NFTS wird – auch für gewöhnliche Nutzer:innen – immer greifbarer werden. Künftig wird die Technologie bestimmt noch weiter ausgebaut und weitere Use Cases werden entstehen. Deshalb denke ich, dass die Zukunft der NFTs spannend bleibt.

 

3.) Was ist der Nachteil von Ethereum im Universum des Zahlungsverkehrs?

Die geringe Transaktionsgeschwindigkeit ist unvorteilhaft: Im Vergleich zu herkömmlichen Finanzlösungen ist das Verhältnis zwischen Transaktionsgeschwindigkeit und Kosten bei vielen älteren Blockchain-Netzwerken ein sehr grosser Nachteil.

So wickelt beispielsweise der Zahlungsabwickler Visa pro Sekunde 1700 Transaktionen ab und kann in Spitzenzeiten auf über 60000 Transaktionen skaliert werden. Im Vergleich dazu kann Ethereum nur 15 Transaktionen pro Sekunde bearbeiten.

Erfreulicherweise gibt es inzwischen verschiedene Skalierungslösungen und es sind neue Konkurrenten aufgetaucht wie Solana oder Polkadot, welche höher Transaktionen pro Sekunde bieten. Einige sind bereits im Einsatz und befinden sich in verschiedenen Adoptionsphasen, während andere noch in der Entwicklung sind. Jede dieser Lösungen bietet einzigartige Kompromisse und kann grundsätzlich wie folgt kategorisiert werden:

Layer-1- oder On-Chain-Lösungen: Bei diesen Lösungen werden alle Transaktionen auf der Hauptkette selbst abgewickelt.

Layer-2- oder Off-Chain-Lösungen: Diese Lösungen verwenden einen Off-Chain-Mechanismus, bei dem Transaktionen und Berechnungen ausserhalb der Hauptkette stattfinden.

Um den Unterschied zwischen Layer-1- und Layer-2-Lösungen besser zu verstehen, musst du dir eine Strasse zur Hauptverkehrszeit vorstelle, die für sehr viel Staus bekannt ist. Die Layer-1-Lösung besteht darin, die Strasse auszubauen, Kreuzungen zu entschärfen und die Fahrspuren zu verbreitern, um mehr Verkehr zu ermöglichen. Die Layer-2-Lösung besteht darin, weitere Strassen oder eine öffentliche Verkehrsinfrastruktur wie Zugslinien zu schaffen, um Staus zu vermeiden.

Diesen Nachteil der einen Strasse mit viel Stau versucht Ethereum gerade zu lösen. Der Hauptgrund für die Umstellung auf ETH 2.0 ist die Erhöhung des Durchsatzes von Ethereum, damit es mehr Transaktionen verarbeiten und mit neueren Layer-1-Lösungen konkurrieren kann. Der TPS sollte von heute ~15 auf ~100’000 steigen, sobald das Upgrade zusammen mit den Rollups vollständig implementiert ist. Dies wird eine erhebliche Verbesserung darstellen, die mehr Anwendungsfälle und niedrigere Transaktionskosten ermöglicht.

Um diese Geschwindigkeit zu erreichen, wird die Ethereum-Architektur aufgesplittert sein. Aufsplitten bedeutet, dass die Hauptkette in mehrere parallele Ketten aufgeteilt wird, um Transaktionen zu verarbeiten. Dies ist vergleichbar mit dem Ausbau einer einspurigen Strasse zu einer Autobahn mit einem vielfachem an Fahrspuren.

 

4.) Wie siehst du die Zukunft von Blockchain in Bezug auf den Energieverbrauch?

Bleiben wir gerade bei Ethereum. Ich habe kürlich erst gelesen, dass das erwähnte Ethereums Upgrade auf 2.0 den Energie-Fussabdruck um 99% reduzieren sollte und es wird damit nahezu CO2-neutral werden. Im 2021 wurde rund 1 Billion US-Dollar mehr an Wert über Ethereum abgewickelt als über das Visa Netzwerk. Das bedeutet Billionen von Dollar an potenziellen Transaktionsvolumen, welches CO2-neutral sein wird. Diese Thematiken werden in der Wirtschaftspolitik oftmals stark vernachlässigt. Wir als Gesellschaft stellen uns schon heute die entscheidende Frage wie z.B. ein Land sein BIP erhöhen, ohne zusätzliche CO2-Austoss zu verursachen? Oder wie kann eine Unternehmung seinen Umsatz verdoppeln, ohne dass der CO2 Ausstoss zunimmt? Die Antwort werden Blockchain-Lösungen wie Ethereum und andere sein, die digitale Vermögenswerte und Verbrauchsgüter unterstützen, in denen Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum in immer schnellerem Tempo auf der ganzen Welt geschaffen werden.

Aus dem heutigen Standpunkt betrachtet, zielt deine Frage auf ein ganz wichtiges Thema ab. Viele Blockchain-Lösungen sind sehr ineffizient, was deren Energieverbrauch betrifft und deswegen sehen wir in den Medien auch viele Bilder von riesigen Infrastrukturen, welche in Länder wie China oder Indonesien stehen und mit fossiler Energie betrieben werden. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass die weltweite Regulierung so schnell wie möglich ausgebaut werden muss. Hier eine Nachhaltigkeitsregulierung einzubauen würde meiner Meinung nach sehr zielführend sein und das Wachstum des gesamten Ökosystems zukunftsweisend unterstützend.

 

5.) Was hältst du von der Sicherheit von Kryptowährungen?

Grundsätzlich sind Blockchains durch ihre Dezentralisierung sehr sicherheitsorientiert. Die Sicherheit wird durch sogenannte «Knoten im System» gewährleistet. Diese «Knoten» in der Blockchain müssen verschiedene Transaktionen bestätigen, bevor diese durchgeführt werden können. Logischerweise gibt es aber auch in der Welt der Kryptowährungen Risiken.

Das Zahlen mit Kryptowährungen ist mit einem sehr tiefen Rechtsschutz verbunden. Zahlungen mit Kreditkarten haben zum Beispiel bestimmte Sicherheitsmerkmale: Bei Betrug kann das Geld vom Anbieter oder der Bank zurückgefordert werden. Dies ist bei Kryptowährungen nicht der Fall, was natürlich ein finanzielles Risiko darstellt. Ein weiteres Problem ist, dass viele «Crypto-Scams» im Umlauf sind. Ebenfalls können Transaktionen mit Kryptowährungen nicht rückgängig gemacht werden.

 

6.)Wie siehst du die Chance der Schweiz, hauptsächlich des Crypto Valley im Kanton Zug, sich im Markt der Kryptowährungen durchzusetzen?

Die Schweiz ist in Bezug auf Kryptowährungen ein führender Standort weltweit. Wir haben ein schnell wachsendes Ökosystem entwickelt, darum gibt es bei uns auch so viele Krypto-Firmen. Für uns in der Schweiz ist es daher zentral, dass wir weiterhin den rechtlichen Rahmen sicherstellen, der Innovationen ermöglicht. Dazu gehört auch, dass die politische Stabilität weiterhin gewährleistet ist, da wir einen sehr guten Ruf haben. 2021 führte die Schweiz als eines der ersten Länder Regulationen für Blockchain-Technologien ein. Dies schafft eine Sicherheit, die Innovation und Wachstum fördert. Ich glaube, dass wir uns weiterhin gut auf dem Markt etablieren können.

 

7.) Wo können Kryptowährungen in der Finanzwelt am besten eingesetzt werden?

Ich kann mir vorstellen, dass die Technologie vor allem aus der Sicht der Vermögensanlage äusserst spannend sein kann. Das heisst, die Finanzinstitutionen können ihr Portfolio diversifizieren und mit Kryptowährungen eine neue Anlageklasse kreieren. Neben Kryptowährungen ist für mich auch die Tokenisierung von traditionellen Assets wie digitale Aktien oder Kunst sehr spannend. Durch die Tokenisierung dieser Assets können Finanzinstitutionen die Demokratisierung vorantreiben, indem sie eine alternative Anlageklasse einer breiteren Masse zugänglich machen. Da es aber weltweit noch nicht so viele Regulationen gibt, beobachten viele Banken die Entwicklung erst einmal.

 

8.) Abgesehen von Ethereum: Welche Bitcoins können sich auf dem Markt am besten etablieren?

Das ist sehr schwierig zu beantworten, auf diese Antwort habe ich keine abschliessende Antwort. Wie auf dem herkömmlichen Markt setzen sich diejenigen Projekte durch, die einen Mehrwert für die Gesellschaft oder Wirtschaft bieten. Ich denke, Projekte, die sich auf die Nachhaltigkeit konzentrieren, haben besonders gute Chancen, da der Energieverbrauch aufgrund der Kryptowährungen eine grosse Herausforderung ist.

 

9.) Hast du noch ein paar Tipps für Krypto-Neulinge ?

Der wichtigste Tipp gleich vorneweg: DYOR. Do your own reasearch. Es ist enorm wichtig, dass Neulinge sich zuerst gut informieren. Lest Blogbeiträge, folgt Meinungsführer auf Twitter, schaut viele Youtube-Videos bei usw. Verfolgt dabei auch die verschiedenen Krypto-Assets am Markt, legt eine Watchliste oder ein fiktives Portfolio auf einer Plattform wie z.B. CoinMarketCap an. Wir leben in einer enorm spannenden Zeit und die Technologien wie Blockchain, web3.0 sind erst am Anfang der Entwicklung. Nutzt diese Chance, bildet euch weiter und probiert etwas aus. Seit aber auch kritisch: Hinterfragt bewusst bestehende Prozesse und neue Innovationen.

Bei einer Investition gilt es dann natürlich immer nur so viel zu investieren, wie man auch verlieren kann und wie bereits erwähnt, stets möglichst Sicherheitsaspekte zu beachten und sich vorsichtig zu verhalten.

Nebst dem Investieren gibt es natürlich auch die Möglichkeit aktiv an einem Projekt mitzuarbeiten. Die Krypto-Start-Ups suchen in verschiedenen Belangen kreative und schlaue Köpfe. Oft organisieren sich diese Unternehmen / Plattformen via Discord Channel.

 

 

Marc-André Böhlen

Dozent der HSO Wirtschafts- und Informatikschule.

LinkedIn:

https://www.linkedin.com/in/marc-andr%C3%A9-b%C3%B6hlen-b6898748/